Wie ein Teil eines Ozeandampfers, getrandet auf einer Insel: Das Burgh Island Hotel in Devon. (c) Pohl

Wie ein Teil eines Ozeandampfers, getrandet auf einer Insel: Das Burgh Island Hotel in Devon. (c) Pohl

Wenn Hercule Poirot eine Reise unternimmt, scheint er Morde förmlich anzuziehen. Im Roman “Das Böse unter der Sonne” ist Agatha Christies (1890-1976) Meisterdetektiv im Hotel Jolly Roger auf einer kleinen englischen Insel zu Gast, als eines Tages Arlena, eine attraktive frühere Schauspielerin, tot am Strand aufgefunden wird. Wie so oft in Christies Fällen kommt zunächst jeder und niemand als Täter infrage. Poirot entwirrt ein schier undurchschaubares Beziehungsgeflecht zwischen den Anwesenden und enthüllt am Ende einen perfiden Mordplan. Die Täter sind gefasst.

In der gleichnamigen Verfilmung des Romans mit Peter Ustinov als Hercule Poirot wurde die Handlung auf eine abgelegene Insel in der Adria verlegt. Doch in der Originalvorlage ließ Christie Arlena vor der Küste England ermorden – das lag vermutlich an jenem Ort, an dem sie diesen Roman verfasst hatte: Burgh Island, eine nur elf Hektar große Gezeiteninsel vor der Bigbury Bay im Süden Devons. Beim Hotel Jolly Roger aus dem Roman dürfte es sich demnach um das Burgh Island Hotel handeln, der einzigen Herberge auf der Insel. Es ist ein Haus, das vor allem in den Dreißigerjahren beliebtes Ziel der Reichen und Schönen Großbritanniens war.

Das Burgh Island Hotel ist schon von Weitem zu sehen

Der weiße Art-deco-Bau ist schon vom gegenüberliegenden Strand aus gut zu erblicken. An der Nordostseite der Insel erhebt er sich und sieht dabei fast ein wenig unspektakulär aus, eher nach Kaufhaus als nach Luxushotel. Doch innen fehlt es an nichts; vor allem nicht an Ruhe. Auch wenn Tagesgäste die Privatinsel inzwischen besuchen dürfen, das Hotel bleibt ihnen verschlossen. Lediglich wer hier übernachtet, darf die breite Auffahrt zum Eingang hinaufschlendern. Und generell sollte man einen Besuch der Insel schon ein bisschen planen, schließlich ist sie nur zweimal am Tag bei Ebbe zu Fuß erreichbar. Außerhalb dieser Zeit führt ein Meter hoher Seetraktor, eine Spezialanfertigung, mehr oder weniger trocken durch die Flut.

Das heutige Hotel stammt aus dem Jahr 1929, wobei es damals einen Holzbau aus dem Ende des 19. Jahrhunderts ersetzte. Der britische Filmemacher Archibald Nettlefold ließ den Neubau im Stil des Art deco errichten, und zog damit schnell die Großen seiner Branche an. Agatha Christie gehörte zu den Stammgästen, auch wenn sie gar nicht weit entfernt in Torquay lebte. Sie schrieb hier nicht nur “Das Böse unter Sonne”, sondern wurde auch noch für ihren bis heute erfolgreichsten Roman “Und dann gab’s keines mehr” inspiriert. Auch Noël Coward und der zurückgetretene König Edward VIII. mit seiner Frau Wallis Simpson waren auf Burgh Island immer mal zu sehen. Winston Churchill soll sich kurz vor dem D-Day im Jahr 1944 auf Burgh Island mit dem damaligen Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte und späteren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower getroffen haben.

Noch in den Dreißigerjahren erfolgten Erweiterungen an dem Prachtbau – doch der Zweite Weltkrieg bedeutete wie für viele britische Hotels auch für Burgh Island ein vorübergehendes Aus. Die britische Armee ließ das Gebäude als Erholungsheim für verletzte Soldaten umfunktionieren, dazu wurde es bei Bombenangriffen teilweise beschädigt. Nach Kriegsende kam der Hotelbetrieb deswegen lange Zeit nicht wieder in Gang – das Burgh Island Hotel wurde schließlich zu Ferienwohnungen umfunktioniert.

Ein Luxushotel (fast) ohne Fernseher

Erst in den Neunzigerjahren erwarb das Ehepaar Tony und Beatrice Porter das Gebäude und holte es aus seinem Dornröschenschlaf zurück. Mit viel Aufwand und einem enormen Kapitaleinsatz führten die beiden das Burgh Island Hotel zurück zu altem Glanz: Zimmer wurden zusammengelegt und zu Suiten umgebaut, viele benannt nach einem der berühmten früheren Gäste. So gibt es inzwischen eine Agatha-Christie-Suite, eine Noël-Coward-Suite und eine Mountbatten-Suite. Und auch wenn es bei Preisen von oftmals mehr als 500 Euro pro Nacht inzwischen Wlan im Hotel gibt, eines hat noch immer keinen Einzug in die Zimmer gehalten: ein Fernsehgerät. Burgh Island soll der Erholung dienen, so die Begründung, da störe solche Technik nur. Allein in der Bibliothek gibt es inzwischen die Möglichkeit, fern zu sehen und DVDs zu schauen.

Wer allerdings einmal die Klippen an der Südseite der Insel erwandert hat oder auf ein Pint in das Pichard Inn aus dem 14. Jahrhundert, einem der ältesten Pubs Großbritanniens, eingekehrt ist, der wird sich so schnell auch nicht nach schnöden Fernsehsendungen sehnen. Schließlich kann man hier immer noch eines tun: Einen Roman Agatha Christies nehmen und in ihm irgendwo auf der Insel eintauchen, das Meer immer im Blick. Fürchten braucht man sich nicht: Ein realer Mord ist von Burgh Island bis heute nicht überliefert. Michael Pohl

So kommen Sie hin

Burgh Island Hotel, Bigbury-on-Sea, South Devon TQ7 4BG, Tel: +44 (0)1548 810514, www.burghisland.com
Weitere Hotelgeschichten gibt es im Buch „Hotelgeschichte(n) weltweit“ (Conbook-Verlag).

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von Michael Pohl