Fullerton Bay Hotel: Wo Singapurs Clifford Pier weiterlebt. (c) Pohl

Fullerton Bay Hotel: Wo Singapurs Clifford Pier weiterlebt. (c) Pohl

 

 

Die Geschichte Singapurs ist auch ein bisschen eine Geschichte der Einwanderer. Hunderttausende kamen über das Wasser in den boomenden Stadtstaat. Sie reisten aus China an, viele aus Malaysia, aber auch aus zahlreichen weiteren südasiatischen Staaten, um ein klein wenig vom sich ausbreitenden Wohlstand abzubekommen. Die Briten um Sir Thomas Stamford Raffle bauten Singapur zu einem der wichtigsten Handelspunkte der Welt aus. Infolgedessen kamen Seeleute von weit her, und gingen hier vor Anker. Was viele von ihnen einte, war der Punkt, an dem sie an Land gingen: Clifford Pier, eine Landebrücke im Stil des Art-déco. 1933 eröffnet, wurde sie zur zentrale Einreiseschneise der einstigen Kronkolonie. Durch den majestätischen Rundbogen betraten sie Land, für viele begann an dieser Stelle ein neues Leben.

Nicht nur dem rapiden Wandel hin zu Flugreisen ist es zuzuschreiben, dass Clifford Pier in dieser Hinsicht ausgedient hat. Nach der Eröffnung des neuen Landepunktes Marina South im Jahr 2006 wurde es schlichtweg nicht mehr benötigt.

Fünf Sterne plus am alten Pier

Doch noch immer zieht es den einen oder anderen internationalen Besucher zur historischen Landungsbrücke. Clifford Pier hat eine neue Verwendung gefunden: Er ist zur zentralen Achse eines Fünf-Sterne-Superior-Hotels geworden, dem Fullerton Bay Hotel.

Am 1. April 2006 wurde der Pier außer Dienst gestellt, nachdem sich Singapur rundherum mit der Marina Bay durch Landaufschüttung ein ganz neues Viertel leistete. Selbst wenn man gewollt hätte — große Schiffe hätten die Landungsbrücke gar nicht mehr anlaufen können. Das unweit entfernte Fullerton Hotel nutzte die Chance, und leaste das historische Gebäude für eine neue Außenstelle. Der kantige, gläserne Klotz, der seit 2010 am Pier angedockt ist, erinnert unweigerlich an einen etwas gestauchten Ozeandampfer. Er beinhaltet 100 überaus moderne Zimmer, ausgestattet mit jeder erdenklichen Art von Luxus.

Die Seebrücke selbst ist nicht nur zum Eingangsbereich umfunktioniert worden, sie beinhaltet nun auch das Restaurant The Clifford Pier. Sonst ist in dem Prachtbau am Rande des heutigen Finanzdistrikts vieles geblieben, wie es war: Die eindrucksvollen Rundbögen des Daches verleihen dem Restaurant eine ganz besondere Atmosphäre. An der Außenfassade leuchten noch immer dieselben roten Laternen, die der Landungsbrücke zu Betriebszeiten den Beinamen „Red Lantern Pier“ eingebracht hatten, Rote-Laternen-Pier. Wobei man dies nicht mit einem Rotlichtviertel im klassischen Sinn verwechseln darf — hier war in dieser Hinsicht stets alles in bester Ordnung.

Das Zollhaus am Fullerton Bay Hotel

Über einen Steg ist das Hotel mit dem benachbarten früheren Zollhaus verbunden. Auch dies wurde nach Außerdienststellung in den Komplex integriert und beinhaltet nun eine Reihe von Restaurants. Viel beliebter ist indes die Dachbar: Direkt am Open-air-Pool genießen die Gäste dort den Blick auf Marina Bay.

Gestaltet wurde der architektonisch später viel beachtete Clifford Pier von einem staatlichen Architekten, Frank Dorrington Ward. Ironie der Geschichte: Man benannte die Landungsbrücke zwar nach dem früheren Straits-Settlement-Gouverneur Sir Hugh Clifford benannt. Dieser war jedoch dafür bekannt, weniger Singapur zugeneigt zu sein, als vielmehr einigen Besitztümern auf dem malaysischen Festland, die ebenfalls zu den Settlements zählten.

Fullerton Bay Hotel, 80 Collyer Quay, Singapore 049326, Telefon +65 6333 8388, www.fullertonhotels.com

Weitere Hotels mit Vergangenheit finden Sie im Buch „Hotelgeschichte(n) weltweit“ (Conbook-Verlag).

von Michael Pohl

Reisejournalist und Autor