London Eye mit Parlament. (c) Pohl

London Eye mit Parlament. (c) Pohl

Man kennt das: Die Queen lädt zum Fünfuhrtee ein, und man denkt sich: Och, ein Heißgetränk am Nachmittag, das kann so verkehrt nicht sein. Doch dann kommt die böse Überraschung: Pappsatt schleppt man sich am Ende aus dem Buckingham-Palast und schafft es an der Pforte gerade noch, das eigentlich fest eingeplante Abendessen mit dem Premierminister abzusagen.

Kennen Sie nicht? Sollten Sie sich aber merken – auch für eventuelle andere Einladungen zum „Afternoon Tea“ in Großbritannien. Denn: Tee ist auf der Insel nicht gleich Tee, von den einzelnen Blättersorten mal ganz abgesehen. Wer zum „Afternoon Tea“ eingeladen wird, der sollte nicht nur ein Freund des frisch aufgebrühten Getränks sein – sondern auch einen gesegneten Appetit mitbringen. Denn zum „Afternoon Tea“ wird zwar auch Tee serviert – vor allem aber allerlei zu essen. Die Prozedur besteht aus drei Gängen:

Sandwiches (mit Gurke, Lachs, Ei und Kresse, Käse oder gekochtem Schinken)

Gebäck, vor allem schottisches Shortbread, ein heller Keks mit sehr hohem Butteranteil

Scones, ein brötchenähnliches Gebäck aus Mehl, süßer Sahne, Eiern und Backpulver, das traditionell mit Clotted Cream, einem dicken Rahm, sowie Marmelade bestrichen wird. Was zuerst kommt, ist regional unterschiedlich: Während man in Sommerset und Devon traditionell zuerst die Clotted Cream auf den Scone streicht, ist es in Cornwall genau andersrum.

Auch bei der Teezubereitung haben die Briten ihre Eigenarten: Tee wird grundsätzlich mit Milch vermengt. Dabei gilt als Frage aller Fragen: Gießt man erst die Milch oder erst den Tee in eine Tasse? Die Briten haben sich Fraktionsnamen ausgedacht für diese Frage: Milk in first („Mif“) oder Tea in first („Tif“).

Das ist alles zu kompliziert? Dann schwenken Sie doch um auf „Beer in first“, am besten in einer weiteren urenglischen Institution: dem Pub. Doch Obacht, bevor Sie in einem solchen beim Warten auf die Bedienung verdursten, beherzigen Sie eine wichtige Vorgehensweise: In Pubs wird grundsätzlich nicht bedient, man holt sich seine Getränke am Tresen und bezahlt sie auch gleich dort. Und zwar ausdrücklich ohne Trinkgeld – das gibt es nur im Restaurant.

Auch erfahrene Kneipengänger tun im Übrigen gut daran, vor einem Pubbesuch mit einem Glas Wasser das Balancieren eines randvoll gefüllten Gefäßes zu trainieren. Denn in der britischen Gastronomie werden Pints ausgeschenkt, Gläser mit einem Fassungsvermögen von exakt 0,568 Litern. Und die werden auch so vollgeschenkt, dass sich am Ende exakt 0,568 Liter Bier im Glas befinden. Da wird der Gang zum Tisch zumindest zu späterer Stunde eine Herausforderung.

Die Beispiele in diesem Text basieren auf der neuen Buchreihe „Fettnäpfchenführer“, die sich auf unterhaltsame Art mit dem Alltag anderer Kulturen und Länder befasst. Michael Pohl hat den Band über Großbritannien geschrieben. Conbook-Verlag, 247 Seiten, 10,95 Euro, ISBN 978-3943176315.

 

von Michael Pohl

Reisejournalist und Autor

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