Das Midland Hotel in Manchester war einst eines der großen Eisenbahnhotels der Welt. 1904 wurde es zur Geburtsstätte einer der nobelsten Automobilmarken der Welt: Rolls-Royce.

Ein Palast in Rot: Das Midland Hotel in Manchester. (c) Michael Pohl
Ein Palast in Rot: Das Midland Hotel in Manchester. (c) Michael Pohl

Sich gegenseitig zu ergänzen ist in jeder guten Zweierbeziehung wichtig, dabei eine gemeinsame Basis zu haben, fast noch wichtiger. Das dachten sich vermutlich auch Henry Rolls und Charles Royce am 4. Mai 1904, als sie im riesigen Midland Hotel in Manchester erstmals aufeinandertrafen. Royce, ein Ingenieur mit Sitz in Manchester, hatte gerade seinen eigenen Wagen gebaut, den Royce 10 HP, weil er mit seinem zuvor gekauften Decauville aus Frankreich nicht zufrieden gewesen sein soll. Rolls, ein Autohändler aus Fulham, wiederum war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Längerem auf der Suche nach einem britischen Automobilhersteller für sein Portfolio. Allein: Sämtliche damals erhältlichen Modelle genügten seinen Qualitätsansprüchen nicht. Warum also nicht selbst für Qualität sorgen? Die gemeinsame Basis der beiden unterschiedlichen Unternehmer war gefunden.

Rolls-Royce wurde per Handschlag geboren

Per Handschlag sollen Rolls und Royce an diesem Tag im Midland Hotel beschlossen haben, ein gemeinsames Automobilunternehmen zu gründen. Eine der edelsten Fahrzeugmarke der Welt war geboren, selbst wenn die Verträge erst später im Jahr unterzeichnet wurden. Aus dem Royce 10 HP wurde der Rolls-Royce 10 HP. Er bildete den Grundstock für die Erfolgsgeschichte des Unternehmens.

Für das Midland Hotel am damaligen Bahnhof Manchester Central ist das Treffen der Automobillegenden bis heute eine echte Auszeichnung. Eine Messingplakette erinnert vor dem Hoteleingang daran, Rolls-Royce selbst nimmt immer wieder Bezug darauf. Dabei galt das Midland schon damals als eines der besten Hotels der Welt, manche schwärmten von ihm als einem „Palast des 20. Jahrhunderts“. Das gewaltige Gebäude aus dem für Nordengland typischen roten Sandstein entstand zwischen 1898 und 1903 für die Midland Railway Company. Damals war es vor allem in Großbritannien üblich, dass Eisenbahnunternehmen an ihren Bahnhöfen große Hotels bauten, um ihren Reisenden ein Rund-um-Erlebnis zu bieten. Das Midland Hotel verfügte nicht nur über mehrere Hundert Zimmer; es bot auch ein Theater mit 1000 Plätzen und eine Dachterrasse mit Kammermusik und Afternoon Tea. Charles Trubshaw entwarf das Gebäude, dessen Bau rund eine Million Pfund verschlang.

Die Nazis wollten das Midland zum Hauptquartier machen

Es ranken sich noch weitere Geschichten um das Midland Hotel. Angeblich soll Adolf Hitler von dem Bau so beeindruckt gewesen sein, dass er ihn für den Fall einer Eroberung Großbritanniens als Hauptquartier vorgesehen hatte. Selbst wenn es nie dazu kam: Historiker messen dieser These Bedeutung bei, da genau der Bereich rund um das Hotel von den Bomben der Deutschen ausgenommen war, während andere Gebiete Manchesters zerstört wurden.

Wie in jedem bedeutsamen Hotel, checkten auch im Midland über die Jahrzehnte zig Prominente ein. Schauspieler waren darunter, Politiker und etliche Musikstars. Queen Mum soll hier zumindest einmal gegessen haben. Und den Beatles wurde einmal der Zutritt zum Hotel verwehrt – sie waren nicht angemessen gekleidet.

Das Midland wechselte im Laufe der Jahrzehnte mehrfach den Betreiber. Inzwischen gehört es zur Leonardo-Gruppe, die es als Leonardo Royal betreibt. Die Verbindung zu Henry Rolls und Charles Royce wird nach wie vor gepflegt. 2014 feierte der Automobilhersteller sein 110-jähriges Bestehen hier mit einer Palette an Modellen. Michael Pohl

Midland Hotel, 16 Peter Street, Manchester M60 2DS, Tel. +44 (0)161 236 3333, www.themidlandhotel.co.uk

Weitere Hotels mit Vergangenheit finden Sie im Buch „Hotelgeschichte(n) weltweit“ (Conbook-Verlag).

von Michael Pohl