Das Design gewordene Zimmer: Die Jacobsen-Suite 606 im Radisson Blu Royal Hotel ist bis heute im Stile der ersten Entwürfe eingerichtet. (c) Radisson Blu

Das Design gewordene Zimmer: Die Jacobsen-Suite 606 im Radisson Blu Royal Hotel ist bis heute im Stile der ersten Entwürfe eingerichtet. Vorn links: der Egg Chair. (c) Radisson Blu

Wenn man ein Appe-Laptop eher als Designaccessoire betrachtet, einen Fiat 500 nicht unbedingt unter technischen Aspekten beurteilt, sondern unter gestalterischen, dann ist Arne Jacobsens Egg Chair vermutlich so etwas wie die Ikone eines Wohnzimmers. Der eiförmige Lounge-Sessel scheint an zeitlosigkeit kaum zu überbieten, ähnlich wie moderne formorientierte Produkte. Und er avancierte seit seiner Präsentation im Jahr 1958 zu einem Sinnbild für das skandinavische Möbeldesign.

Dass der Egg Chair heute überhaupt in Wohnzimmern auf der ganzen Welt steht, hat man einem Hotel zu verdanken: Entstanden ist das Möbelstück ursprünglich gar nicht für die Serienproduktion, sondern für das SAS Royal Hotel in Kopenhagen, heute Radisson Blu Royal.

Das Gesamtkunstwerk Arne Jacobsens

Jacobsen erhielt 1956 den Auftrag für den Entwurf des gesamten Hotels. Der kantige, 20-geschossige Bau am Kopenhagener Hauptbahnhof wurde zu nichts geringerem als seinem Gesamtkunstwerk. Jacobsen entwarf nicht nur den Grundriss, die schlicht-schöne Fassade und den Egg Chair. Jedes kleinste Detail aus den Anfangsjahren stammte aus seiner Feder — unter anderem eine weitere Design-Ikone aus Skandinavien: der Swan Chair, gewissermaßen der kleine Bruder des Egg Chairs, sowie die typischen, leicht geschwungenen Türgriffe, die bis heute produziert werden.

Das heutige Radisson Blu Royal wurde 1960 fertiggestellt. Nachdem es in der Planungsphase vielfach kritisiert worden war, entwickelte es sich schnell zu einem der bekanntesten Beispiele skandinavischer Baukunst. Die Fluglinie SAS wollte von Jacobson ein Hotel, das das Jet-Zeitalter symbolisiert, einen perfekten Anker für die neu entstandenden Schnellfluglinien in die USA darstellen. Kein Blick zurück, sondern geradlinig nach vorn. 275 Zimmer, jedes individuell eingerichtet durch Jacobsen. Dennoch schrieb die Tageszeitung “Politiken” 1959 ernüchternd: “Jeden Tag werden Leute in Vesterbrogade halten, hinaufblicken und denken: ,Ich hoffe, dass es in einem Sturm nicht umfällt.’”

Das Royal Hotel war mit der Eröffnung nicht nur das größte Hotel Skandinaviens, es zählte zugleich zu den höchsten Gebäuden Nordeuropas und gilt bis heute als erstes Designhotel der Welt. Im Querriegel, auf dem der Bettenturm durch eine verkürzte Zwischenetage zu schweben scheint, waren ursprünglich Check-in-Schalter von SAS untergebracht. Fluggäste konnten im Hotel ihr Gepäck aufgeben und wurden dann per Bus zum Flughafen Kopenhagen gebracht.

Zimmer 606 — eine Suite im Stile Jacobsens

Vieles hat sich seitdem geändert — nicht nur der Name. Das Royal Hotel durchlief mehrere Renovierungsphasen, etliches von dem, das Jacobsen in seinen Entwürfen vorgesehen hatte, verschwand. Heute wird das Hotel deswegen oftmals als sein verlorenes Gesamtkunstwerk bezeichnet. Radisson hat sich jedoch gerade in den vergangenen Jahren wieder auf die Ursprünge des Hauses besonnen und unter anderem ein Zimmer nach den Originalentwürfen herrichten lassen — die Jacobsen Suite, Zimmer 606.

Auch das Potenzial des Egg Chairs hat man längst erkannt: Er ist nicht nur in den wichtigsten Designmuseen der Welt ausgestellt, unter anderem dem Museum of Modern Art in New York; auch im Radisson Blu Royal Hotel gehört er zum festen Inventar. Längst haben sich mehrere andere Hotelketten auf der Welt des Designklassikers bedient, so ist er heute selbst in den Lobbys der Motel-One-Häuser zu sehen. 1964 wurde der Egg Chair auf der Dokumenta unter den Exponaten des “Industrial Designs” gezeigt. Er wird bis heute in Serie produziert und hat, ähnlich wie der Swan Chair, zahlreiche Nachbauten erfahren.

Radisson Blu schickt handgefertigte Miniaturnachbildungen derzeit in einer Ausstellung um die Welt. Nach einem Zwischenstopp in Berlin, ist sie im Dezember 2016 im Radisson Blu Hotel Zürich Airport zu sehen. Michael Pohl

Radisson Blu Royal Hotel, Hammerichsgade 1, 1611 København V, Dänemark, Tel. +45 33 42 60 00, www.radissonblu.com/en/royalhotel-copenhagen

Weitere Hotels mit Vergangenheit finden Sie im Buch „Hotelgeschichte(n) weltweit“ (Conbook-Verlag).

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von Michael Pohl