Prachtbau in bester Lage: Das The Grand an der Seefront von Brighton. (c) Pohl

Prachtbau in bester Lage: Das The Grand an der Seefront von Brighton. (c) Pohl

Großbritannien im Oktober 1984: Streiks lähmen zunehmend den Alltag im Land, vor allem unter den Bergarbeitern. Eine nach der anderen Mine wird von der regierenden Konservativen Partei geschlossen, der Unmut wächst, ganzen Gegenden droht der wirtschaftliche Verfall. Auch der Nordirlandkonflikt, der zu diesem Zeitpunkt bereits rund 15 Jahre andauert, scheint festgefahrener denn je. Wie sehr, das zeigt sich in der Nacht auf den 12. Oktober im südenglischen Brighton.

Die Konservative Partei ist in das schon etwas angestaubte Seebad gereist, um bei ihrem Parteitag in schwierigen Zeiten Weichen für die Zukunft zu stellen. Die Parteivorsitzende und Premierministerin Margaret Thatcher bereitet sich in der Nacht im Luxushotel The Grand auf Ihre Rede vom nächsten Tag vor. Wegweisend soll sie sein, denn die Politikerin sieht sich zunehmend dem Druck des Volkes ausgesetzt und muss ihre überwiegend unbeliebten, oft einsam wirkenden Entscheidungen argumentativ gut untermauern.

Eine Explosion zerstört mehrere Etagen

Thatcher sitzt noch in ihrer Suite im The Grand, als das Gebäude um 2.54 Uhr von einer gewaltigen Explosion erschüttert wird. Das IRA-Mitglied Patrick Magee hatte wenige Wochen zuvor eine Bombe im Hotel versteckt. Der Sprengsatz verursacht massive Zerstörungen: Nicht nur Teile mehrerer Etagen des edlen Gebäudes direkt an der Promenade liegen in Schutt und Asche, in der Außenfassade zudem klafft ein meterhohes Loch. Die Bombe tötet fünf Mitglieder der Konservativen Partei, deren Mitglieder sich hier in großer Zahl einquartiert haben.

Thatcher und ihr Mann Denis haben Glück: Sie bleiben unverletzt. Die längst als “Eiserne Lady” bekannte Politikerin steht unter Schock, doch sie zeigt auch sich selbst gegenüber Härte. Noch in der Nacht entscheidet sie, dass der Parteitag keineswegs abgesagt wird, wie man das nach solch einem tragischen Ereignis durchaus in Erwägung ziehen könnte; ganz im Gegenteil: Sie selbst steht, wie geplant, am nächsten Tag auf der Bühne, um ihre — inhaltlich geänderte — Rede zu halten: “Die Tatsache, dass wir hier versammelt sind — schockiert, aber vereint und entschlossen — ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass dieser Angriff gescheitert ist”, ruft sie vom Podium aus, “sondern dass alle Versuche, die Demokratie durch Terrorismus zu zerstören scheitern werden.” Die IRA antwortet noch am selben Tag in einem Statement, direkt an Thatcher gerichtet: “Heute hatten wir kein Glück, aber beachten Sie: Wir müssen nur ein einziges Mal Glück haben. Sie brauchen es immer.” Das Leben der britischen Regierung, es schien für einen Augenblick in der Hand von Terroristen zu liegen.

Für den Prunkbau The Grand ist der Anschlag das verheerendste Ereignis in dessen langer Geschichte. Von Beginn an zählte das Hotel zu den bevorzugten Adressen der britischen Upper Class. 1864 von John Whichcord jun. im italienisch angehauchten viktorianischen Stil entworfen, erregte es umgehend Aufsehen — unter anderem, weil es außerhalb der Hauptstadt London das erste Hotel war, das seine Gäste in Aufzügen auf die Etagen bringen konnte. Andernorts waren zu jener Zeit Treppen das Mittel zum Zweck.

Die große Zeit der britischen Seebäder war auch die große Zeit des The Grand. Alles, was Rang und Namen hatte, stieg hier ab — schließlich liegt Brighton nur rund eine Stunde mit dem Zug von London entfernt. Mit dem Royal Pavilion sorgte zudem seit dem frühen 19. Jahrhundert ein weiterer Prachtbau für eine ganz besondere Repräsentanz des britischen Königshauses. Brighton in viktorianischen Zeiten, das war so etwas wie das Monte Carlo des Vereinigten Königreichs. Nur ohne Autorennen.

Nach dem Anschlag dauerte es fast zwei Jahre, bis das The Grand wieder eröffnen konnte. Rettungskräfte lobten die Bausubstanz des Gebäudes — hätten die Mauern der Detonation nicht standgehalten, wäre es zu deutlich mehr Todesopfern gekommen. Sogar einen Kompletteinsturz hielten viele für nicht unwahrscheinlich.

Wiedereröffnung erst fast zwei Jahre später

Am 28. August 1986 öffnete das Hotel wieder seine Pforten, Margaret Thatcher erschien demonstrativ zu diesem Ereignis. Doch es wurde im Anschluss ruhiger um das einstige Vorzeigehotel. Den Fünf-Sterne-Rang verlor es nach der Jahrtausendwende, da eine notwendige Sanierung abgeblasen wurde. Gleichwohl bemüht sich der Betrieb bis heute, seinem legendären Ruf gerecht zu werden, nicht nur als eines der besten Hotels der Stadt, sondern des ganzen Landes.

Den Frieden mit der IRA konnte und wollte Margaret Thatcher nicht erreichen. Unterhändler nahmen, wie später bekannt wurde, noch in ihrer Regierungszeit, jedoch ohne ihr Wissen, erste Verhandlungen zu der Untergrundorganisation auf. Den Frieden in Nordirland und das Ende der bewaffneten IRA jedoch erreichte erst die Labour-Regierung unter Tony Blair. 1998 unterzeichneten alle verfeindeten Parteien das Karfreitagsabkommen, das einen Fahrplan auf dem Weg zum Frieden aufzeigte. 2005 ließ sich die IRA entwaffnen. Sie musste einsehen: Der Frieden konnte nicht herbeigebombt werden. Aber Diplomatie, teils skurrile Kompromisse und vor allem gesunder Menschenverstand erreichten ihn letztlich dennoch. Michael Pohl

The Grand, 97-99 King’s Road, Brighton BN1 2FW, Tel. +44 1273 224300, www.grandbrighton.co.uk

Weitere Hotels mit Vergangenheit finden Sie im Buch „Hotelgeschichte(n) weltweit“ (Conbook-Verlag).

von Michael Pohl