Einst unter dem Namen Merkur Devisenbringer der Messestadt und Abhörhochburg der Stasi: Das Westin in Leipzig. (c) Pohl

Einst unter dem Namen Merkur Devisenbringer der Messestadt und Abhörhochburg der Stasi: Das Westin in Leipzig. (c) Pohl

Wenn Geschäftsleute unterwegs sind, plaudert sich mancher mitunter um Kopf und Kragen — spätestens beim abendlichen Besuch in der Hotelbar. Das 1981 eröffnete Interhotel Merkur in Leipzig war in dieser Hinsicht ein Glücksfall für die Staatssicherheit (Stasi) der DDR. Auf Gäste aus dem Westen ausgerichtet, bot es eine schier unerschöpfliche Informationsquelle für den sammelwütigen Abhördienst der Messestadt. Zumal es auch für DDR-Bürger Anlaufpunkt war: Von den insgesamt 740 Merkur-Mitarbeitern arbeiteten allein rund 100 im hoteleigenen Intershop. Dort gingen die Leute ein und aus, um gegen D-Mark Westwaren zu kaufen; Kaffee, Zigaretten, Schokolade, vieles, das man aus der Werbung im Westfernsehen kannte.

Politiker wie Helmut Schmidt indes kamen gern als Übernachtungsgäste ins Hotel, auch Lothar Späth war hier, außerdem Schauspieler wie Jane Fonda. Hier durfte nur einchecken, wer mit ausländischer Währung zahlen konnte. Viele Gäste hatten etwas zu erzählen – ob im Fahrstuhl, in der Bar oder auf dem Zimmer. Und die Stasi schrieb fleißig mit – ganz egal, ob die Informationen einen Nutzwert hatten oder nicht. Der Abhördienst nahm für seine Arbeit gleich drei Zimmer dauerhaft in Beschlag, dazu wurde eines rundum von Kameras überwacht. Das Leben der anderen war genau das, was die Stasi auch hier interessierte.

Stasi-IM auch in der Führungsebene

Medien enthüllten 2011, dass der Staatssicherheitsdienst selbst ganz oben im Führungskader des Interhotels inoffizielle Mitarbeiter angeworben hatte, allen voran “IM Alexander” und “IM Günter Merkur”; zwei, die auch im Alltag die Geschicke des Hauses lenkten. Mehr noch: Prostituierte waren im Auftrag der Behörde unterwegs, um auch in den 700 Betten der damaligen Nobelherberge Informationen zu sammeln. Später stellte sich heraus: Dies war bis zuletzt in vielen Interhotels der DDR gängige Praxis.

Das Merkur galt lange Zeit als Aushängeschild der staatlichen Kette, wurde bei Planung und Bau doch wenig auf den Sozialismus gegeben: Der japanische Konzern Kajima erstellte das 27 Stockwerke hohe Gebäude im Auftrag des DDR-Außenhandelsunternehmens. 16,1 Milliarden japanische Yen ließ sich der Staat den Bau kosten, schließlich sollten hier mit der Eröffnung auch ausschließlich harte Devisen eingespielt werden. Die unmittelbare Nähe zum Hauptbahnhof schien wie geschaffen in der schon damals international bekannten Messestadt. Der Beton kam ausgerechnet vom Klassenfeind aus West-Berlin. Im Hotel wurde nicht nur ein japanisches Restaurant eröffnet — das zweite in der gesamten DDR –, sondern im Außenbereich auch ein japanischer Garten. Das Geschäft blühte; auch für die Prostituierten der Stasi.

Blick auf Leipzig

Die Wende brachte 1989 auch für das Merkur den Wandel. Die Treuhand führte die Interhotels zunächst weiter, verkaufte sie aber später an Investoren. Das Merkur verwandelte sich so 1993 zum Hotel Intercontinental, begleitet von einer umgerechnet rund 21,5 Millionen Euro umfassenden Sanierung. Ende 2002 wechselte es erneut die Marke: Aus dem Interconti wurde das Westin Leipzig, Teil des Starwood-Konzerns. Heute bietet es unter diesem Namen 436 Zimmer und durch seine Höhe noch immer einen der schönsten Blicke auf die Leipziger Innenstadt. Nur eines fehlt: Die Abhöranlagen der Stasi verschwanden nach der Wende — ebenso wie der gesamte Staatssicherheitsdienst. Michael Pohl


The Westin, Gerberstraße 15, 04105 Leipzig, Telefon 0341/9880, www.westinleipzig.com, 4 Sterne

Weitere Hotels mit Vergangenheit finden Sie im Buch „Hotelgeschichte(n) weltweit“ (Conbook-Verlag).

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von Michael Pohl