Unverwechselbar: Die Lobby des Reichshofs. (c) Reichshof/Shaw

Unverwechselbar: Die Lobby des Reichshofs. (c) Reichshof/Shaw

Es kommt immer mal wieder vor, dass in versunkenen Schiffen wertvolle Schätze entdeckt werden. Tief unten auf dem Meeresgrund lagern in Wracks teilweise Kisten wertvollen Inhalts, die eigentlich weit über den Ozean gebracht werden sollten, dann jedoch versanken. Aber ein Schatz mitten in Hamburg, gleich gegenüber dem Hauptbahnhof?

1989 entdeckten Bauarbeiter genau dort im Hotel Reichshof einen zugemauerten Raum, der längst vergessene Raritäten barg: Silberbesteck, schwere Servierplatten und Sektkühler, außerdem feinstes Porzellan und vieles mehr, alles offenbar aus den Anfangsjahren des Hauses. Während des Zweiten Weltkrieges muss es Martha Langer, die Ehefrau von Hotelgründer Anton-Emil Langer, dort vor dem Nazi-Regime und möglichen Plünderungen in Sicherheit gebracht haben. Danach geriet das edle Inventar offenbar in Vergessenheit: Bis 1989 schien es niemand vermisst zu haben.

Es gibt kaum ein Hotel in der Hansestadt, zu dem ein solcher Schatzfund besser passen könnte. Anton-Emil Langer, früher Küchendirektor auf den Ocean-Linern der Reederei Hapag, hatte einen gewissen Hang zur Seefahrt. Das zeigt sich bis heute an vielen Stellen des Hotels, vor allem aber im Restaurant. Dieses Herzstück des klassizistischen Baus ließ Architekt Heinrich Mandix vom Schiffsausstatter Friese im Stil eines Luxuskreuzfahrtschiffes gestalten. Die Wände sind mit edlem Holz vertäfelt, eine beeindruckende Marmortreppe führt in den oberen Bereich mit einer umlaufenden Empore.

Dabei spiegelt der Reichshof ein ganzes Stück Hamburger Stadtgeschichte wider. Als der Hauptbahnhof gerade erst entstand, fasste Langer 1906 den Entschluss, direkt gegenüber ein Hotel neuen Maßstabs zu bauen. Zur Eröffnung im Jahr 1910 war sein Reichshof nicht nur das größte Hotel Deutschlands; er zählte zugleich zu den größten in ganz Europa. Ausstattungsmerkmale wie fließendes Wasser, Strom und ein Telefon auf jedem Zimmer waren zu jener Zeit wahre Innovationen. Auch dass 50 Zimmer sogar ein eigenes Bad besaßen, galt als außergewöhnlich. Eine Autogarage konnte Fahrzeuge in mehreren Etagen parken lassen, außerdem verfügte der Reichshof über hydraulische Aufzüge. Trinkwasser bezog das Hotel aus einer eigenen Quelle, und auch den Bedarf an Obst und Gemüse deckte Langer über eigene landwirtschaftliche Betriebe an der Elbchaussee. Seine Familie besaß bereits eine ganze Reihe von Hotels und Pensionen in Hamburg. Vor allem aber gilt Langers Vorzeigehotel als Vorreiter bei den Einheitspreisen: Zur Eröffnung kostete eine Übernachtung mit Frühstück pauschal 3,50 Mark pro Person. 1950 war der Preis auf 9,60 Mark gestiegen — das Prinzip „derselbe Preis für jeden Gast“ galt aber immer noch.

Der aus heutiger Sicht etwas belastete Name Reichshof hat übrigens nichts mit dem Nazi-Regime zu tun. Er entstand bereits zur Eröffnung zu Ehren von Kaiser Wilhelm II. Überall finden sich nach wie vor Utensilien aus den Anfangsjahren des Hauses. Ein altes Bleiglasfenster hängt im Treppenhaus, nostalgische Wegweiser zeigen die Standorte der Aufzüge. Und auch die historischen Deckenleuchter in der imposanten, mit Marmorsäulen ausgestatteten Eingangshalle datieren aus früheren Zeiten, wenngleich sie inzwischen mit Glasschwertern dezent verziert wurden. Seit seiner Eröffnung galt der Reichshof nicht nur als feste Größe für auswärtige Gäste; er zog auch innerhalb Hamburgs alles an, das Rang und Namen hatte. In der holzvertäfelten Bar trafen sich nicht nur Ensemblemitglieder aus dem nahe gelegenen Schauspielhaus, auch Stars wie Udo Lindenberg und Ulrich Turkur sollen hier immer wieder gesehen worden sein. Frühere Mitarbeiter blicken noch heute voller Stolz mit einer Website auf ihre Zeit im Hotel mit zahlreichen berühmten Gästen zurück.

1989 übernahm das Hotelunternehmen Maritim das Traditionshaus und führte es mehr oder weniger in Langers Sinne fort. Über dem Eingang prangte nun das Logo des Unternehmens, vor allem in der Eingangshalle wurde manches baulich verändert. Doch viele Stammgäste blieben dem Reichshof treu. Allein: Die Investitionen blieben im erforderlichen Maße aus. Als der Pachtvertrag mit Maritim 2014 endete, war eine Rundumerneurung erforderlich. Das Haus entsprach nach 105 Jahren an vielen Stellen nicht mehr dem aktuellen Standard — zu aufwendig für viele Betreiber. Einige große interessierten sich dennoch für den prestigeträchtigen Bau im Herzen Hamburgs

Die US-Investmentfirma Blackstone erhielt schließlich den Zuschlag. Die Betreiberin der Hilton-Hotels investierte 30 Millionen Euro, um den Reichshof zu einem Vorzeigehaus zu sanieren. 2015 eröffnete sie mit dem Hotel ihr erstes Haus der Marke Curio by Hilton in Europa. Die Idee dahinter: Hilton-Standard in einem individuellem Gebäude, das es so nicht noch ein zweites Mal auf der Welt gibt. Marmorsäulen und Holzvertäfelung aus Anton-Emil Langers Zeiten stehen nun Seit an Seit mit LED-Lichttechnik und Flatscreens. In den Tiefen des Kellers wurde während des Umbaus so manch altes Inventar wiederentdeckt und neu genutzt.

Das Foyer ist wieder zu einem Treffpunkt für Hamburger und Gäste geworden, was sich unter anderem in Angeboten zeigt, die gezielt an Einheimische gerichtet sind — wie etwa einen sonntäglichen “Tatort”-Abend. In das edle Kreuzfahrtrestaurant ist nun das “Slowman” eingezogen, bekannt aus der TV-Sendung “Rachs Restaurantschule”. Küchenchef Frank Bertram setzt auf kreative Speisen, vermischt mit Bodenständigem — und vor allem auf Bioprodukte, wie sich bestens beim reichhaltigen Frühstücksbuffet zeigt.

Als ein “modernes Denkmal” bezeichnen Mitarbeiter ihren Reichshof nun. Und dies nicht ganz zu Unrecht. Einen weiteren Schatz dürften sie vielleicht nicht mehr entdecken. Dafür ist das ganze Hotel zu etwas ähnlichem geworden: Ein Schatz vergangener Tage, hinübergerettet in das 21. Jahrhundert. Michael Pohl


Reichshof Hamburg, Curio Collection by Hilton. Kirchenallee 34-36, 20099 Hamburg, Telefon (040) 370 25 90, www.reichshof-hotel-hamburg.de

Mehr Hotelgeschichten gibt es im Buch Hotelgeschichten weltweit: 75 Herbergen, in denen das Bett zur Nebensache wurde, erschienen bei Conbook.

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von Michael Pohl