The Narrow, ein Pub von Starkoch Gordon Ramsey.

Gordon Ramseys Pub an der Themse: The Narrow, Teil des Real Ale Trails. (c) Pohl

An Englands Ale scheiden sich die Geister. Dieses rote obergärige Bier wird traditionell mit Handpumpen gezapft – und das bei einer Temperatur, die selten unter der des Raumes liegt, in dem man es trinkt. Schaumkrone? Fehlanzeige. Die Sieben-Minuten-Prozedur? Real Ale wird in eins durchgezapft. Dieses Getränk dürfte zweifelsfrei für die Legende ausschlaggebend sein, dass Briten angeblich kein Bier brauen können (was übrigens nicht stimmt). Und doch scharrt sich inzwischen eine wachsende Fangemeinde um das warme Bier in englischen Pubs.
Ein Londoner Nahverkehrsmittel trägt nun seinen Teil dazu bei: „Real Ale Trail“ nennt die Docklands Light Railway (DLR), eine fahrerlose Hochbahn im Osten Londons, ihre ebenfalls führerlose Pub-Tour. Die Idee: Auf zwei Routen entlang der DLR-Strecke gibt ein Plan Tipps für außergewöhnliche Kneipen, in denen Real Ale noch nach alter Tradition gezapft wird. Das Auto kann man dabei ohnehin nicht gebrauchen (die Promillegrenze in Großbritannien liegt bei 0,5) – deswegen bietet sich die DLR im Grunde perfekt als Verkehrsmittel an.

Doch es sind die besonderen Pubs, die die beiden Strecken des Real Ale Trails ausmachen, weniger das Bier selbst. Und dies in einer Ecke der britischen Hauptstadt, die Touristen üblicherweise nie aufsuchen. „The Grapes“ etwa, von außen eine typische englische Kneipe in der Narrow Street. Wer im Innern ganz nach hinten durchgeht, vorbei an neugierig dreinblickenden Stammgästen, landet auf einem schmalen Außenbalkon, der über der Themse ragt. Bei Sonnenuntergang bietet sich hier eine einmalige Stimmung – fernab vom Trubel im übrigen London.

Ganz in der Nähe hat der britische Starkoch Gordon Ramsay das hübsche alte „The Narrow“ an der Themse übernommen und lädt dort nun zu rustikalem Pub-Essen mit der besonderen Note ein. Und natürlich zu dem einen oder anderen Real Ale, etwa einem Adnams Bitter & Broadside oder einem Caledonian Deuchars IPA. Nie gehört? Das dürfte selbst manch Einheimischem so gehen.

Das „Dickens Inn“ an den zu einem wunderschönen Jachthafen umgestalteten St. Kathrine Docks besteht unter anderem aus alten Holzbalken ausgemusterter Schiffe. Vor allem bei schönem Wetter kehren hier vor den Geranienblumenkästen die Londoner ein. Einzigartig ist die Bierauswahl in der „Old Brewery“ im schicken College von Greenwich auf der anderen Seite der Themse. Hier wird noch selbst gebraut, und zwar zu Spitzenzeiten gleich mehrere Dutzend Sorten, darunter das Meantime Pale Ale und das Dark Star Best Bitter. Ein Erlebnis, vor allem wegen der aufwendig restaurierten Räumlichkeiten und wegen der Lage: Wer nicht die DLR nutzen möchte, kann vom Nordteil Londons auch durch einen alten Fußgängertunnel unter der Themse hindurch nach Greenwich laufen.

Auf eine lange Geschichte kann „The Gun“ zurückblicken: „An dieser Stelle gibt es seit mehr als 250 Jahren einen Pub“, sagt Anna McCleave, Eventmanagerin des Lokals. Der zunächst etwas abschreckende Name stammt von der Kanone, die zur Eröffnung des nahen West India Millwall Docks im Jahr 1802 abgefeuert wurde. Besonders stolz ist man auf einen früheren Gast: Lord Horatio Nelson erwarb Ende des 18. Jahrhunderts ganz in der Nähe ein Eigenheim – und soll fortan öfter im„Gun“ gesehen worden sein. Heute sind es freilich überwiegend nicht adelige Gäste, die vorbeischauen: „Vor allem am Wochenende kommen immer einige Leute, die den Real Ale Trail abwandern“, sagt Anna McCleave.

Für den Trail gibt es keine geführten Touren wie bei kommerziellen Anbietern. Doch das muss keineswegs negativ sein. Während es bei Gruppentouren oftmals darum geht, möglichst viele Kneipen an einem Abend anzusteuern, bietet der Real Ale Trail vielmehr Anregungen für gemütliche Kneipenbesuche fernab der Hektik der Millionenmetropole London. Nicht selten bleibt man schon im ersten Pub hängen – weil’s so gemütlich ist.

Im Internet lässt sich ein Faltblatt mit den Adressen und DLR-Stationen der Pubs herunterladen – ein Service nicht nur für Touristen, sondern auch für Londoner: „Ich selbst finde das einen interessanten Weg, die eigene Stadt kennenzulernen, in der ich seit 20 Jahren lebe“, sagt Allan Ramsey von der DLR. Und neben einem Pint Bier kann man gleich noch einiges über ein durchaus interessantes und bei London-Besuchen oft vernachlässigtes Viertel erfahren. Die Docklands bieten einen perfekten Einblick in die lange Tradition der Stadt im Welthandel. Der übrigens nicht gerade wegen des Bieres für die Briten so wichtig wurde. Es waren vor allem Tee, Zucker und Getreide, die die Lagerhäuser der Docklands füllten.      Michael Pohl


Infos

Anreise: Mit Germanwings ab Hannover nach London-Stansted. Von dort mit dem Stansted-Express-Zug in die Innenstadt. Mit British Airways/BMI ab Hannover nach London-Heathrow, weiter mit der U-Bahn. Mit der Fähre ab Dünkirchen oder Calais nach Dover. Von dort sind es knapp zwei Stunden bis nach London.

DLR: Die Docklands Light Railway (DLR) ist eine fahrerlose Hochbahn im Osten Londons. Die 34 Kilometer lange Strecke ist mit 45 Stationen ausgestattet. Man nutzt am besten eine Oyster Card, eine wiederaufladbare Fahrkarte – damit kosten die Fahrten deutlich weniger als üblich.

Docklands: Einen guten Einblick in die Geschichte gibt das Museum of London Docklands am West India Quay (Canary Wharf). Der Eintritt ist frei (www.museumoflondon.org.uk/docklands).

Übernachten:

Novotel Greenwich, freundliches Vier-Sterne-Haus im beschaulichen Greenwich (www.novotel.com).

Crowne Plaza Royal Victoria, modernes Geschäftsreisehotel am Victoria-Dock (www.crowneplaza.com).

Weitere Informationen:
www.visitlondon.com/de
www.dlrlondon.co.uk/pubTrail.aspx
www.visitbritain.de

von Michael Pohl

Reisejournalist und Autor

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